Die Kali-Vereinbarung stößt nicht nur bei
der Opposition in Thüringen und Hessen auf Kritik. Das Land
Niedersachsen prüft juristische Schritte.
Unterbreizbach/Friedewald
- Wieder einmal haben sich tote Rodfedern und Brassen im Wehr
verfangen. "Das ist kein ungewöhnlicher Anblick", erzählt Helmut Jahn.
Der 69-Jährige aus dem niedersächsischen Hannoversch Münden ist
Vorstand der örtlichen Fischereigenossenschaft. "Die Fulda bringt diese
Weißfische mit. Sie führt noch besseres Wasser. Bei uns in der Weser
gibt es eher Aale und Forellen." Im Gegensatz zu ihnen vertragen die
Einwanderer jene Salzfracht nicht, die die Werra in die Weser spült.
"Aufbrechende Geschwüre überziehen die Fische und lassen sie sterben",
erklärt Jahn. "Würde bei uns jemand so wie früher gewerbsmäßig
Fischerei betreiben wollen, er müsste verhungern. Aus einem der
fischreichsten Flüsse Deutschlands ist mittlerweile ein toter
Wasserlauf geworden."
Keine Frage - seit der Wiedervereinigung hat sich der Zustand der Weser
deutlich verbessert. Damals entsorgten die Kali-Werke im Osten noch
Salz in den Fluss. "Doch um Werra und Weser wieder eine gesunde
Struktur zu geben, reichen auch die derzeitigen Bemühungen lange nicht
aus", ist sich Jahn gewiss. Er macht es an einer Zahl fest. Früher habe
die Mündener Fischereigenossenschaft im Jahr 20 000 Erlaubnisscheine
für Angler ausgestellt. "Es werden seit geraumer Zeit weniger", sagt
er. Auch die Urlauber zeigen nicht mehr so viel Interesse am Angeln.
Immer öfter hört Helmut Jahn den Satz: "Ihr müsst was für den Fluss
tun, sonst kommen wir nicht mehr." Eine Forderung, mit der sich genauso
Betreiber von Gaststätten, Hotels und Campingplätzen konfrontiert sehen
- an jenem Ort, wo sich Werra und Fulda zur Weser vereinen.
Ein "unerklärlicher Schnellschuss"
Hoffnung keimte auf, als der so genannte runde Tisch seine Arbeit
aufnahm. Die Länder Thüringen und Hessen hatten das Gremium aus
Experten gemeinsam mit der Kasseler K+S Kali GmbH ins Leben gerufen, um
eine gute Lösung für die mit Salz belastete Werra und Weser zu finden.
Der Düngemittelkonzern leitet bei der Produktion anfallende salzige
Rückstände weiterhin in die Werra ein.
Aber
schon sehen Helmut Jahn und die Mitglieder seiner
Fischereigenossenschaft die Bemühungen des runden Tischs wieder arg
gestört. Der Grund ist für sie in der Vereinbarung zu suchen, die K+S
mit den Ländern Thüringen und Hessen abgeschlossen hat. Der Zukunft des
Kalibergbaus an der Werra und der Lösung der Umweltprobleme soll sie
dienen, sagen die Vertragspartner. Für Kritiker wie Helmut Jahn ist sie
ein Schlag ins Wasser. Gestern nun setzten die Umweltminister Volker
Sklenar (Thüringen, CDU) und der scheidende Wilhelm Dietzel (Hessen,
CDU) sowie K+S-Vorstandsmitglied Gerd Grimmig im hessischen Friedewald
ihre Unterschrift unter das umstrittene Papier. Draußen vor der Tür
stand ein Häuflein Protestierender von den thüringischen und hessischen
Linken.
Schon seit Tagen sorgt die Vereinbarung für Verstimmungen. Eilig
passierte sie das Kabinett in Erfurt und im so genannten
Umlaufverfahren das in Wiesbaden - trotz dortiger Regierungsbildung.
Die Mitglieder des runden Tischs wurden holterdiepolter zu einer
Sondersitzung nach Kassel gerufen. In der Landtagssitzung in Erfurt
gab’s heftige Kritik am Papier, diesmal sogar aus den eigenen
CDU-Reihen.
Des Lobes voll waren indessen gestern die drei Vertragspartner. "Die
Vereinbarung schafft eine klare Perspektive für die Kali-Arbeitsplätze
und die Umwelt", sagt K+S-Vorstandsmitglied Grimmig. Immerhin stelle
das Unternehmen 360 Millionen Euro in Aussicht, um seine salzigen
Abfälle bis 2015 auf sieben Millionen Kubikmeter pro Jahr zu
reduzieren. Für Volker Sklenar schlägt das Papier eine Brücke von der
Gegenwart in die Zukunft. "Es ist ein Brückenschlag, bei dem es um den
Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und soziale Belange geht", sagt er.
Die Kritiker verwundert derweil die Eile, mit der die Akteure den
Vertrag, der immerhin 30 Jahre gelten soll, durchboxten. Für Sigrid
Erfurth, Vize-Fraktionsvorsitzende der Grünen im hessischen Landtag,
ist es ein "unerklärlicher Schnellschuss". Sie geht davon aus, dass das
Aus für die Verpressung von Salzlauge in Hessen und in Gerstungen im
Wartburgkreis K+S in die Bredouille brachte. Der Thüringer
Landtagsabgeordnete Tilo Kummer von den Linken vermutet indessen, dass
sich die Thüringer CDU im bevorstehenden Landtagswahlkampf unliebsame
Diskussionen um einen viel zu hohen Härtegrad und versalzenes
Flusswasser ersparen wollte. Einen triftigen Grund, weshalb das Papier
gestern unterschrieben werden musste, gibt es für ihn nicht.
Gewiss, die beiden Landtage hatten diese Vereinbarung mit K+S gefordert
- der in Hessen am 2. Juli und der Thüringer am 11. Oktober 2007.
Hintergrund war damals unter anderem der äußerst hohe Härtegrenzwert
für das Flusswasser. Er gibt Auskunft über den Anteil von Mineralien im
Wasser. Der geltende Grenzwert läuft am 30. November dieses Jahres aus.
Beide Parlamente plädierten für eine deutliche Absenkung. "Schon ab 40
Grad spricht man von einem kritisch belasteten Gewässer, in dem kaum
noch Fische leben können", erläutert Sigrid Erfurth. Alle Fraktionen im
hessischen Landtag hätten 2007 beschlossen, diesen Wert herabzusetzen.
"Dem widerspricht die Festlegung im jetzigen Vertrag eindeutig", so
Erfurth. "Die beiden Landesregierungen erlauben K+S sogar, ihn bis 2012
beizubehalten. Das ist einfach schlechter Stil."
Opposition spricht von Katze im Sack
Dieses
Zugeständnis ist es auch, das die Thüringer Umweltpolitiker der
Opposition, Dagmar Becker (SPD) und Tilo Kummer (Linke), umtreibt. "Der
Grenzwert wurde schon einmal 2003 ohne jegliche fachliche Prüfung
verlängert", gibt Dagmar Becker zu bedenken. Bis heute stehe eine
wissenschaftliche Bewertung aus, bestätigt Tilo Kummer. Selbst ein von
K+S bezahltes Gutachten weise auf Probleme mit diesem Härtegrenzwert
hin. Für die beiden Politiker ist klar: Die Thüringer Landesregierung
kauft mit dieser "Schnellschuss-Vereinbarung" wieder einmal die Katze
im Sack. "K+S kann sich gelassen zurücklehnen, denn der Vertrag fällt
einseitig zugunsten des Unternehmens aus", steht für Dagmar Becker
fest. Hessen und Thüringen erteilten dem Konzern einen Freifahrtschein.
Sie ließen sich das Heft des Handels aus der Hand nehmen, wenn es um
Einhaltung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie gehe, warnt sie.
"Eine saubere Geschichte" wäre für Tilo Kummer gewesen, wenn zuerst die
Ergebnisse des runden Tisches und das Gesamtkonzept des Kalikonzerns
vorgelegen hätten, sozusagen als Basis für die Vereinbarung. Und nicht
umgekehrt.
Wenn es um die Gesamtstrategie und das Konzept von K+S geht, will der
runde Tisch stärker einbezogen werden. Das verlangt er ebenso
unmissverständlich wie die Absenkung des Wertes für den Härtegrad. Erst
auf seinen Druck hin haben diese Forderungen Eingang in eine
Protokollnotiz zum Vertrag gefunden.
"Wir hätten sie lieber direkt im Schriftstück gehabt", gibt Christoph
Ewen, der Sprecher des runden Tisches, zu. Tilo Kummer erklärt warum
und ist empört: "Diese wachsweiche Notiz ist rechtlich so verbindlich
wie ein Haustürvertrag." Für ihn ist sie nichts weiter als eine
"unverbindliche Absichtserklärung" und "Bauernfängerei im schlimmsten
Sinne". Doch Ewen ist optimistisch: "Die Länder werden es sich nicht
leisten können, den runden Tisch auszuschließen. Er lebt von seiner
Transparenz in der Öffentlichkeit."
Wieder Trinkwasser aus der Weser
Sauer reagierten auch die Bundesländer Niedersachsen und Bremen, weil
man sie beim Kali-Vertrag außen vor gelassen hatte. Lediglich
Weser-Anrainer Nordrhein-Westfalen ließ durch den Sprecher seines
Umweltministeriums, Markus Fliege, wissen: "Wir verhalten uns neutral.
Unsere Interessen sind nicht unmittelbar berührt."
Deutlichere Worte findet Bernd Schneider vom Umweltressort des Senats
der Stadt Bremen an der Weser-Mündung. Er hatte selbst zu besagter
Sondersitzung am runden Tisch gesessen. "Unverständlich ist, warum die
Vereinbarung jetzt unterschrieben werden musste. Am runden Tisch ist
erst einmal Halbzeit, es liegen noch nicht alle Ergebnisse vor, aber es
werden schon Fakten geschaffen. Für eine offene Atmosphäre und eine
vertrauliche Zusammenarbeit ist das kontraproduktiv." Bremen gehe es um
die beste fachliche Lösung für eine Verbesserung des Weserwassers. "In
der Perspektive wollen wir unser Trinkwasser wieder aus der Weser
gewinnen."
Gehörig verstimmt ist Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich
Sander (FDP). Er hatte einen geharnischten Brief an seine Amtskollegen
in Thüringen und Hessen geschrieben. Darin beklagte er sich, dass eine
Strategie festgelegt werde, ohne die Hauptbetroffenen zu fragen. "Unser
Grundsatz ist vermeiden statt entsorgen", lässt Sander seine
Pressesprecherin Jutta Kremer-Heye mitteilen. Die technischen
Möglichkeiten dafür sehe Niedersachsen vor Ort noch nicht genutzt. "Wir
prüfen, ob wir juristisch gegen die Vereinbarung vorgehen können", so
die Sprecherin. Helmut Jahn aus Hannoversch Münden unterstützt das
Vorgehen. Er sagt: "Ich wundere mich eh, dass die Leute noch so ruhig
bleiben."
05.02.2009 Ilga Gäbler
Quelle: Freies Wort vom 05.02.2009
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